
Gisela Höhne – Künstlerische Biografie
Schauspielerin, Mitbegründerin, Regisseurin und künstlerische Leiterin, Geschäftsführerin
Gisela Höhne wurde 1949 in Thüringen geboren. Als sie acht Jahre alt war, zog die Familie zu den Groß-eltern nach Stralsund, wo Gisela das Abitur machte. Der Wunschstudienplatz Psychologie blieb ihr wegen ideologischer Differenzen zur „Psychologie des Arbeiter- und Bauernstaates“ verwehrt. 1967 wechselte sie nach Berlin, das seitdem ihr künstlerisches und Lebenszentrum ist. Sie blieb ein Jahr beim staatlichen Fernsehfunk der DDR als Regie-Volontärin, studierte ab 1968, nachdem sie den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag als wesentliche Zäsur ihres Lebens miterlebt hatte, ein Jahr Filmregie an der Staatlichen Filmhochschule Babelsberg, brach das Studium jedoch ab, weil die Liebe zum Theater viel größer war als die zum Film und sie zur Schau-spielschule wollte. Sie schlug sich mit Gelegenheits-jobs beim Dokumentarfilm, bei der Post, in Kranken-häusern als Stationshilfe und bei der DEWAG-Werbung durch, bis sie 1971 angenommen wurde an der Staatlichen Schauspielschule Berlin-Schöne-weide (den Namen „Ernst Busch“ bekam die Hoch-schule erst 1981) und bis 1974 studierte sie dort, überaus glücklich, wie sie sagt. In diesen Jahren in Berlin genoss sie die Theaterszene Berlins in vollen Zügen. Seit 1967 erlebte sie wichtige Aufführungen am Berliner Ensemble (Brecht war gerade elf Jahre tot), wurde magisch angezogen von den international gefeierten Inszenierungen am Deutschen Theater, insbesondere von Benno Bessons „Der Frieden“, „Der Drache“ und „Ödipus Tyrann“, vom Regie-Stil von Adolf Dresen und von den schauspielerfreundlichen Inszenierungen von Wolfgang Heinz. Mehrmals in der Woche saß sie in den Aufführungen, die sie als Studentin für 50 Pfennig besuchen konnte. Wesentlich wurde dann die Volksbühne für sie – wieder mit den Inszenierungen von Besson, aber auch vom Regie-team Karge/Langhoff und Heiner Müller.
1974 spielte Gisela Höhne die Rolle der Theresa in der Studioinszenierung von Pablo Nerudas Stück „Glanz und Tod des Joaquin Murieta“. Diese herausragende Inszenierung auf der Probebühne des Deutschen Theaters, die als Passionsspiel rund um die Zuschauer herum stattfand und mit allen herkömmlichen Mitteln des realistischen Theaters brach, inszenierten Klaus Erforth und Alexander Stillmark. Ezio Toffolutti war der Bühnen- und Kostümbildner, er arbeitete hier erstmals mit seinem später legendär werdenden Tuch als Hauptbühnenelement. Die Insze-nierung wurde nach Carracas und Paris eingeladen, sie durfte aber nur nach Warschau zum Festival Theater der Nationen 1975 fahren, wo die schon berühmt gewordene Truppe von Ariane Mnouchkine mit „L'Age d'or“ ebenfalls gastierte.
Höhne und Erforth wurden ein Paar, es begann eine zwanzigjährige Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Höhne erhielt Engagements in Dresden und Neustre-litz, die aber bereits 1976 durch die Geburt des ersten Sohnes erheblich beeinträchtigt wurden. Moritz wurde mit Down-Syndrom geboren, zwei Jahre später musste Gisela Höhne den Schauspieler-beruf aufgeben. 1979 kam ihr Sohn Jacob auf die Welt. Danach übernahm sie nochmals Gelegenheits-jobs. Das Ende ihrer Karriere?
Doch es begann eine zweite fruchtbare Phase des Studierens: Von 1982 bis 1987 Studium der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.Was sie hier, in einer Oase der Geisteswissen-schaften, lernte, bezeichnet sie immer als ihr „zweites wichtiges Standbein“ nach dem Schauspielerberuf: Moderne Theatertheorie des Welttheaters bei Fiebach, das „Theater von unten“ bzw. „Das andere Theater“ bei Münz, Medientheorie bei Schumacher und hervorragende Dramaturgielektionen bei Kautz und Hasche. Sie machte ihr Diplom mit Auszeich-nung, es folgten drei Jahre Aspirantur und 1990 die Dissertation. Diese Offenheit dem Theater gegenüber und der damit verbundene weite Theaterbegriff ermöglichen all das, was ihr weiteres Leben bestimmen wird: 1988 die Gründung von Zirkus „Bimbo“, in dem erstmals in der DDR geistig behinderte Kinder öffentlich auftreten. Es wird ein ganz besonderer poetischer Zirkus, in dem die Kinder zeigen, was sie können – balancieren, schnelle Rollen und komplizierte Ballchoreografien ausführen oder einfach nur ein Löwe sein. Die Arbeit führte Gisela Höhne zur Entdeckung der besonderen Kreativität von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Diese Erfahrungen machten Lust auf mehr – in der DDR war das nicht möglich.
Nach dem Ende der DDR 1989 konzipierten Gisela Höhne und Klaus Erforth den Verein Sonnenuhr e.V. als Werkstatt der Künste für Menschen mit geistiger Behinderung und Andere. 1990 stellten sie sich damit in einer dreistündigen Matinee mit dem Titel „Was für eine Insel in was für einem Meer“ im Deutschen Theater Berlin vor und gründeten den Verein.
Bis heute leiten beide die Kunstwerkstatt, in der weit über 100 Menschen mit sogenannter Behinderung in fast allen Künsten arbeiten, unterstützt von ca. 60 MitarbeiterInnen in den Ateliers, im Büro, in der Technik und im Theater. Sie organisieren mit immer breiterer Unterstützung Ausstellungen, Kunstfeste, Workshops, internationale Festivals, Benefizveranstaltungen und Lesungen. Die hier entstehenden Stücke und Kunstwerke werden von vielen berühmten KollegInnen geschätzt: Angela Winkler, Eva Mattes, Meret Becker, Achim Freyer, Nino Malfatti, Otto Sander und vielen anderen. Geschäftsführung und Lobbyarbeit sind zeit- und kraftfressende Teile einer Arbeit, deren legendärer Erfolg hart erarbeitet ist. 2008 begann eine vielversprechende Kooperation mit den VIA-Werkstätten Berlin, in denen 30 RambaZamba-SchauspielerInnen geschützte Theaterarbeitsplätze fanden. Erstmals müssen sie nicht zwischen anderen Werkstätten und dem Theater pendeln, sondern können ihren Beruf auf einer Vollzeitstelle ausüben, wie ihre nichtbehinderten KollegInnen auch.
1991 begann Gisela Höhne ihre erfolgreiche Regiearbeit mit SchauspielerInnen mit geistiger Behinderung. Schon mit ihrer ersten Inszenierung „Prinz Weichherz“ im ausverkauften Deutschen Theater Berlin erntete sie Stürme der Begeisterung. Keinerlei Mitleidsambitionen, sondern ein hoher Leistungsanspruch und größte improvisatorische Offenheit sind seitdem ihr Credo. Damit war auch das Theater RambaZamba gegründet. Mit Höhnes Inszenierung „Ein Winternachtstraum“ (Premiere 1993) wurde noch im gleichen Jahr ein eigener Spielort für RambaZamba eröffnet - das „Theater im Pferdestall“ in der Kulturbrauerei Berlin-Prenzlauer Berg. Die Presse reagiert mit „Die andere Avantgarde ist da“.
Von 1995 bis 2007 erfand und inszenierte Höhne im Theater RambaZamba zehn eigene abendfüllende Stücke. In dieser Zeit machte sie die Truppe zum „wichtigsten Integrationstheater Deutschlands“ (Mainzer Allgemeine Zeitung, 6. September 2001), bei dem „Behinderung nicht als Manko, sondern als Stärke erscheint“. (Frankfurter Rundschau, 6. September 2001). Dazu kamen zwei Performances „Von Puppen und Perfekten“, „Begegnungen in Mongopolis“ im Jahr 2003 im Stadtbad Oderberger Straße, die gemeinsam mit Klaus Erforth erarbeitete Inszenierung „Die Liebe geht durch den Magen“ und zahlreiche Workshops, u.a. in Basel und Graz. 2008 erarbeitete Gisela Höhne Lesungen mit behinderten SchauspielerInnen und organisierte die Reihe „FUNKEN IM STEIN“. Mehr als achtzigmal war Höhne bisher zu Gastspielen in ganz Europa eingeladen (siehe Gastspielchronik). Sie entwickelte mit ihrer Truppe eine eigene Ästhetik und machte das Ensemble zum Maßstab in Deutschland und darüber hinaus für viele, die ebenfalls versuchen, mit SchauspielerInnen mit Behinderung professionell zu arbeiten. Sie hielt Vorträge über ihre Arbeitsweise und war Dozentin an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen.
2007 wurde ihr Stück „Mongopolis“ zur Vorlage für das erste Hörspiel mit Menschen mit Behinderung unter der Regie von Gabriele Bigott, das zuerst vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), dann von mehreren weiteren Sendern gesendet wurde.
Auszeichnungen (Auswahl)
Neujahrsempfang beim Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1994 für die beiden Sonnenuhr-Gründer, Sonderpreis für „Medea – der tödliche Wettbewerb“ (Buch und Regie Höhne) zum 4. Festival „Politik im Freien Theater“ in Stuttgart 1999,
„Förderungspreis Darstellende Kunst“ der Akademie der Künste an das Theater RambaZamba am 18. März 1996,
Deutscher Kinderkulturpreis vom Deutschen Kinderhilfswerk e.V. an SONNENUHR e.V. 1999.
Im März 2001 startete die Plakataktion „Frauen bewegen Berlin“. 15 engagierte Berlinerinnen, unter ihnen Gisela Höhne, wurden auf Plakatwänden in ganz Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt.
Preis der Deutschen Down-Syndrom-Gesellschaft an Gisela Höhne und Klaus Erforth im Jahr 2002. Verleihung des Berliner Verdienstordens durch Klaus Wowereit 2002, BZ-Kulturpreis 2004 für herausragende Leistungen an Gisela Höhne und Klaus Erforth, das Theater RambaZamba wird dabei als eines der besten und berührendsten Künstlerensembles Berlins und als eine international geschätzte Institution gewürdigt. Einladung von Gisela Höhnes Inszenierung „Mongopolis“ zum 6. Festival „Politik im Freien Theater“ in Berlin 2005.
– Am 21.4.2009 erhält Gisela Höhne das Bundesver-dienstkreuz am Bande aufgrund ihrer „Verdienste um die Teilhabe behinderter Menschen am künstlerischen und gesellschaftlichen Leben“.
– Im Rahmen der Preisverleihung "Deutscher Preis
für Synchron" 2009 wird die Leistung der Schauspie-ler Jan-Patrick Kern und Mario Gaulke bei der
Synchronisation des Films "Verschwörung der Her-zen" mit einer besonderen Erwähnung geehrt. Die Synchronisation wurde mit Gisela Höhne erarbeitet.