"MEDEA" - DAS BESONDERE THEATERIn Anlehnung an den Titel dieser Zeitschrift „Das Andere Theater" diesmal einen Bericht von einem besonderen Theater-Ereignis: .Medea" der Gruppe RambaZamba, einem Behindertentheater aus der Sonnenuhr e.V. -einem Platz für Behinderte.Träume - Albträume - Stoff der Medea, der mythologischen Gestalt, kolchischen Königstochter im alten Drama um Eifersucht und Macht. Wie können Behinderte das spielen? Technische Fragen: Wie bewältigen sie den Text? Inhaltliche Fragen: wie kann man und frau das aushalten? Die Aufführung verzaubert sogleich und sofort. Ein freier Platz vor der Stadt, die im Hintergrund sichtbar und zunächst auch hörbar ist. Eine Mauer aus Blech schirmt sie ab, notdürftige Unterkünfte aus Plasteplanen rechts und links an die Mauern geklebt. Eine Schauspielertruppe kommt vor die Tore der Stadt. Der blinde Seher, der dort haust, macht ihnen keine Hoffnung, dort jemals angenommen zu werden. Sie werden es probieren, sie werden proben - mit dem Stück .Medea" werden sie auftreten. Dann entfaltet sich ein Stück, das doppelbödig die Realität der Stadt und die der Gaukler vermischt mit dem Stoff der Medea. Allzu viel Text ist gar nicht vorhanden (erste Frage gelöst). Die Geschichte wird in Bildern dargestellt, als Aktion, gut unterstützt durch eine lebendige und vielseitige Musik (Jacob Höhne). Glauke - sie ist die .schöne Frau der Stadt", die die Männer anlockt und zu ihrer Welt der Modernität verführt. Drei Männer verschwinden nach und nach in der Stadt, und sie kehren verändert zurück: ganz einfach symbolisiert durch einen Anzug mit weißer Hose und Strei-fenjakett. So werden sie gleich, die vorher verschieden waren. Vor der Stadt ist die Welt der Medea. Ein Kreis aus Erde ist Sinnbild ihres Reiches, dort liegt sie, dort wiegt sie ihre Kinder, dort liebt sie Jason. Die Gaukler proben das Stück. Die männlichen Darsteller agieren auf der Bühne, sie singen, sie schreien, sie machen .Krieg" (die Argonauten des Jason). Sie zeigen die Kraft. Wunderschön die Arie des zweiten Jason im Gespräch, im Streit mit Medea. Natürlich sind die Behinderungen sichtbar und hindern manchmal wirklich: die Aussprache, die Koordination und anderes. Aber das macht nichts. Die Bilder sind stark genug, um die Themen zu verdeutlichen. Das Drama der Medea ist in den Grundbildern spannend eingefangen und die Zuschauer werden atmosphärisch ergriffen, aber auch wieder .hinausgeworfen". Verfremdungen fast im Brechtschen Sinne. Die dem Stück eigene Komik ist nur an wenigen Stellen unfreiwillig und beläßt den Menschen ihre Würde, sie werden nicht .vorgeführt". Besonders die Darstellerinnen, drei erwachsene und eine junge Medea, zeigen Szenen der Trauer, der Zartheit, der Liebe, der Phantasie. Der Arie des Jason ist der Schrei der Medea entgegengesetzt - unendliche Trauer und Verletztheit. Dies ist ein Punkt, an dem die Interpretin immer wieder die Grenzen des Spiels überschreitet. Das ist einer der Unterschiede zum Spiel mit Schau- Spielern - Behinderte wechseln leichter vom Spiel in die Realität. Deshalb ist die Vorführung auch so direkt spürbar und trotzdem nie unangenehm oder peinlich. Sie geben so viel in die Rolle, wie sie können, leben darin und - wie jeder andere Schauspieler auch - lassen sich hineinfallen in die Rollen und fischen sich wieder heraus, damit das Stück weitergehen kann, die anderen auf die Bühne kommen können usw. Das war das Theater schon immer - eine Möglichkeit des Menschen, sich in Konflikte, Themen hineinzubegeben. sich kathartisch zu läutern und dennoch alles im Griff zu behalten, im Spiel und durch das Spiel. Das ist mit Behinderten nicht anders, nur liegen ihre Grenzen an anderer Stelle. Wenn einer sich im Kampf der Argonauten wirklich den Fuß verknackst, geht er zu Boden und heult und wird von den anderen weggeführt. Ein Schauspieler hätte vielleicht die Zähne zusammengebissen und sich nichts anmerken lassen. Nur - auch hier haben die Zuschauer gar nichts gemerkt, das hätte in der Aufführung so sein können, es fügte sich nahtlos ein und war in der Pause als Problem schon wieder behoben. Dies ist ein weiteres Verdienst von RambaZamba: die soziale Gemeinschaft der Behinderten wird immer wieder sehr stark gefordert. Auch das ist anders als bei den anderen Bühnen -, da sie behindert sind und nicht alle intellektuellen Fähigkeiten parat haben, brauchen sie Rücksichtnahme und Hilfe. Auf einer Bühne mit behinderten Darstellern (außer Mo Bunte als Amme) müssen diese das übernehmen. Und sie tun es auch, wie es einige Geschichten aus dem Verlauf verschiedener Aufführungen zeigen. Gisela Höhne, Moc Thyssen, Mo Bunte (ehemaliges Figurentheater Motte), Angelika Dubufe für die Ausstattung sowie die Behinderten selber haben dieses Theater der archaischen Bilder entwickelt. Das kennen sie auch die Liebe, die Eifersucht, Gewalt gegen Kinder, Versöhnung und Neugier. Dafür gibt es einfache Bilder, die ergreifen und zeitlos sind: Wenn die junge Medea und der junge Jason Sterne und Mond vom Himmel greifen und essen..., wenn Medea in der Erde badet... Es ist ein neues Stück geworden, das auch von nichtbehinderten Spielern mit Erfolg aufgeführt werden könnte Die behinderten Darstellerwerden ganz und gar ernst genommen in ihrer Menschlichkeit, und das ist ein wichtiges Verdienst des Theaters, zeigt es doch, wo Behinderte und andere gleich oder verschieden sind. Nicht so verschieden, daß sie nicht ein Theater spielen könnten, das alle berühren kann, wenn auch ungleich in den Möglichkeiten intellektuellen Erfassens, aber durchaus stark in ihrer Kraft, Ausdauer und sozialen Verantwortung, so ein Theatererlebnis zu schaffen. Den Behinderten wurde lange Zeit zu wenig zugetraut. Die Theaterarbeit von RambaZamba ist ein großer Schritt in Richtung der Integration von Behinderten. Die Metapher des Stücks ist auch auf die Situation der Behinderten „vor den Toren der Stadt" anzuwenden (nicht erst nach dem Gerichts-Urteil über Lärmbelästigungen durch eine Behinderten-Wohngemeinschaft im vergangenen Jahr!). Im Stück ziehen die Gaukler weiter - zu einem anderen Platz, zu einer anderen Stadt. Übrig bleibt die weiße Medea: die junge Frau, das Mädchen. Die rote Medea, Mutter und Frau, die schwarze Medea, Alte und Amme - sie gehen. Der Kreislauf des Mondes beginnt neu mit einem Tanz. Das Andere Theater, 1998/31, Katharina Sommer |
Soll man sagen, die Szene ist Korinth? Oder sollte man sagen: die Szene ist der Pferdestall in der Berliner Kulturbrauerei? Beides wäre richtig, die Spieler der Gruppe „Ramba Zamba" (des Sonnenuhr e.V. - Werkstatt der Künste für Men-schen mit geistiger Behinderung und Andere) machen den ihnen vertrauten Ort der Bühne zum Austragungsort eines Spiels, sie nennen den Ort Korinth, der sich mit bewehrten Mauern abschirmt gegen die Unbehausten, Ruhelosen, Aufdringlichen, Ausgegrenzten, die hinein wollen in diese Stadt (in die bürgerliche „Normalität"). Theater der Zeit- März/April 98 |
„Medea müßt ihr spielen"jm - „Medea müßt ihr spielen", rät der alte Blinde der wandernden Schauspieltruppe, die vor den Toren Korinths lagert. „Medea - da ist alles drin: Liebe und Verrat, Tod und Eifersucht, Intrigen und viel Blut." Das Thema des Theaterabends im Pferdestall der Kulturbrauerei (Knaackstr. 97) ist genannt, jedoch sind von Euripedes nur spärliche Zitate. Dafür wird die mythologische Story von der Zauberin und kindermordenden Barbarin Medea neu gesehen - mit Blick auf aktuelle Probleme. DIE WELT Freitag, 19. Dezember 1997 |
War Medea dick oder dünn?"RambaZamba" auf der Suche nach dem Traumtheater Berliner Zeitung 18.12.1997, Feuilleton, Ilona Rühmann |
| "Selten sieht man Schauspieler sich so total verausgaben, selten erlebt man so irritierend unvermittelte Poesie... Das Endprodukt ist kein karikativer Schnörkel, sondern eine gleichberechtigte Theaterform, wie sie die "Gesunden" wohl überhaupt nicht realisieren können. (Süddeutsche Zeitung, Veronika Echl, 12. Oktober 1998) |
| "Exaltierte Empfindungen haben in den Darstellungskünsten von Höhnes Ensemble nichts verloren. Die Akteure nähern sich dem Grundkonflikt von Medea in einer irritierenden und lebensnahe Direktheit." (Frankfurter Rundschau, KD., z. Januar 1998), |
| "Die RambaZamba-Mimen setzen aufs Ganze. Hier werden ihre ur eigensten Probleme verhandelt: Ausgrenzung und Diskriminierung. Die beeindruckende Inszenierung von Gisela Höhne mach sprachlos ob ihrer Gegenwärtigkeit (Die Welt, jm, 79.72.1997), |
| "...künstlerisch auf der Spur von Pirandellos "Sechs Personen..." und Ariane Mnouchkinc?" (Die Presse, Wien, hp, 7.2.1999) |
| "RambaZamba... bescherte dem Publikum einige Zaubermoment reinster Theaterkunst Und die triumphiert bekanntlich jenseits logischer Demarkationslinien. (Der Standard, Wien, Cornelia Niedermeier, 22.1999), |
| "Mit Experimentier- und Produzier Freudigkeit wird hier ans Werk gegangen, und dem Gastspiel im Akademietheater (eine Spielstätte des Burgtheaters) war anzumerken, das. man nicht nur witzige Anspielungen auf Wien eingebaut hatte, sondern dass auch nach Lust und Laune ? auf Zuschauerreaktionen hin improvisiert und extemporiert wur de: höchst lebendiges Theater, und trotz aller Disziplin und Sorgfalt mit einem ästhetisch und menschlich reizvollen Unberechenbarkeitsfaktor versehen. (Wiener Zeitung, Manfred A. Schmidt, 1.2.1999) |