Kritiken Orpheus ohne Echo

Seelen suchen in der Opern-Unterwelt Theater Ramba Zamba gastiert mit ?Orpheus ohne Echo" beim integrativen Festival im KUZ

Seelen suchen in der Opern-Unterwelt

Theater Ramba Zamba gastiert mit „Orpheus ohne Echo" beim integrativen Festival im KUZ

MAINZ. Zum Schluss fallen sich die Darsteller in die Arme. Einer signalisiert den Zuschauern das Victoryzeichen. Ein anderer badet in der tosenden Menge. Sieg.
„Orpheus ohne Echo" endet in der Versöhnung. In der Oper vom Berliner „Theater RambaZamba" beschließt gegenseitiges Verzeihen den antiken Orpheus-Mythos: „Der Streit ist 1000 Jahre alt. Die Eu könnten den Orpheusen verzeihen, und die Orpheusen könnten den Eurydiken verzeihen. Und außerdem sind wir in der Oper!"
Zum furiosen Finale sind alle Freunde. Allerdings handelt der Abend vor allem von zwischenmenschlichen Differenzen. Und vom Scheitern im Alltag. Am Anfang sehen noch alle gleich aus: fünf Mal Orpheus sucht fünf Mal Eurydike im Hades. Dorthin hat sie sich zurückgezogen. Genug vom Leben. Und das Leben in der Unterwelt hat durchaus seine Vorteile: „Nie mehr hohe Schuhe, nie wieder Diät und nie mehr doofe Anfälle. "
Fünf Eurydiken treten in Wettstreit um den spektakulärsten Selbstmord, stimmen ein erbarmungswürdiges Unterweltgejammer an. Oben heben ihre Orpheuse derweil an, sie mit Schmachtsongs zu beeindrucken. Erst versuchen sie Wiederbelebungsmaßnahmen an den schlaffen Stoffkörperhüllen, dann machen sie sich auf in die Unterwelt, „Seelensuchen". Doch der Kampf ums Weib ist. bekanntlich ein harter. Die Frauen wollen sie selbst sein, nonkonform, eigenbestimmt. Sie machen keinen Hehl aus
ihren Unzulänglichkeiten: „Ich habe kurze Beine. Sieh mich an! Ich bin klein und dick. " Was da klingt wie ein emanzipatorischer Befreiungsschlag, ist mehr als ein Schlachtruf aus der Frauenbewegung. Der leidenschaftliche Ausruf „Ich kann mich nicht ändern!" kennzeichnet hier nicht nur den Unwillen, sondern auch ein Unvermögen zur Anpassung.
Für die Schauspielerin ist dieser Satz autobiographisch. Sie hat, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, das Down-Syndrom. In „Orpheus ohne Echo" machen geistig behinderte Menschen ein unglaubliches Theater. Sie Spielern, singen und tanzen, dass es eine Lust ist. Alle zusammen, jeder auf seine Art. Die Darsteller auf der Bühne sind weiß geschminkt. Ihre gemalten Gesichter, mal divenhaft, mal im Geisha-Look, erstrahlen in bizarrer Schönheit. Wie sie bleich und mondgesichtig über die Bühne tänzeln, sind sie von engelhafter Transparenz. Wenn sie sich mit Streich- oder Blechblasinstrumenten zum Ensemble vereinen, hat das den Charme eines sich einstimmenden Orchesters. Und macht die gleiche Gänsehaut. Denn die Truppe betreibt ihre Sache mit großem Ernst und hoher Professionalität. Man hilft sich selbstverständlich über die jeweiligen Schwächen hinweg. Schließlich kann jeder was. Es gibt einen Breakdancer, eine Primaballerina, einen Komiker und ein Satchmo-Double. Auch ein ganz und gar sirenenhaft betörendes Stimmwunder.
Jeder Einzelne verleiht seiner Figur einen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter. Und profitiert vom Anderssein. Am Ende dieser schillernd-bunten Führung durch die Opern- und Unterwelt sind auf geheimnisvolle Weise alle zu einer Gemeinschaft geworden. Die auf der Bühne und die im Publikum. Das merken die Darsteller. Sie kennen das schon, klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und schicken ein verschmitztes Grinsen ins Publikum. Genießen die Bewunderung, die ihnen entgegenschlägt. Darum das Siegeszeichen. Sie wissen, heute Abend sind sie die Gewinner.

Mainzer Rhein Zeitung 06.10.2001, Nicole Mieding

Geishas im Gänsemarsch Im Mainzer KUZ: RambaZamba und das Theaterfestival ?Heimsuchungen"

Geishas im Gänsemarsch

Im Mainzer KUZ: RambaZamba und das Theaterfestival „Heimsuchungen"

Man strömt über von Liebe und Güte und ist doch nicht unter Engeln, sondern im finsteren Reich der Hölle. Hades, der böseste alle Götter, turtelt mit der Hexe Hekate, die Furien sind sanft wie Lämmchen, und jeder bittet jeden um Verzeihung. Es ist ein riesiges Happy End, aber versehen mit einem gehörigen Augenzwinkern. Das RambaZamba Theater spielt große Oper, und darum ist alles erlaubt: die Berge versetzende Leidenschaft, die edlen Gefühle, der überwältigende Großmut.
Vor dem Finale allerdings geht es zum Zähneknirschen und Verzweifeln menschlich zu. Gisela Höhne, die Regisseurin der Berliner RambaZamba — Truppe, hat auf die alte Geschichte von Orpheus und Eurydike die jüngsten Entwicklungen des ewigen Geschlechterkampfes projiziert. Eurydike ist nicht mehr die Frau, die ihrem Orpheus ein Ja und Amen nachechot (daher der Titel Orpheus ohne Echo), sie hat eigene Wünsche und Ideen, vor allen Dingen aber hat sie einen Alltag zu bewältigen, der mit Kindern, Hund, Schulden und Berufstätigkeit ihre Kräfte übersteigt. Eurydike in dieser Mythenversion scheidet freiwillig aus dem Leben, sie hat alles gründlich 6att.
Ein Jammertal also die Wirklichkeit? Nicht bei RambaZamba. Wunderbar ist, wie die Inszenierung feministische Larmoyanz oder Einseitigkeit vermeidet. Eurydike nämlich wie auch den Orpheus gibt
es nicht nur einmal, sondern in fünffacher Ausgabe - fünf Facetten des Frau- und Mannseins also, vom Hausmütterchen bis zum Luxusweibchen und vom Macho bis zum treuen Familienvater.
Die Vervielfachung der Figuren ist indes nur einer von vielen guten Einfallen der Regisseurin, und er ist vielleicht, obwohl er eine Quelle des Humors ist, nicht einmal der wichtigste; das Hauptelement der Inszenierung ist ihre Theatralität. Die Eurydikes laufen im Gänsemarsch, kostümiert als Geishas, auf der Bühne ein, sie haben weiße Gesichter und auf die Augenlieder geschminkte große, erstaunte Puppenaugen, und die Orpheuse, auch sie leicht japanisiert, spielen (wie im übrigen auch die Furien) Bass, Geige und allerlei Blasinstrumente. Wir sind bei RambaZamba immer irgendwie in der Oper, mal in Puccinis japanischer Tragödie Madame Butterfly, mal in Bizets Carmen, mal bei Mozart oder Gluck.
Die Überhöhung und Stilisierung, öfter jedoch ironisch gebrochen durch jäh ernüchternde Bemerkungen aus dem grauen Alltag, hat zum einen die Funktion, das etwas abgewetzte Thema Geschlechterkampf wie neu erscheinen zu lassen; zum andern aber ist es eine Hilfestellung für die Akteure. RambaZamba ist ein integratives Theater, vier der Darsteller der Eurydikes und der Orpheuse sind Träger des Down-Syndroms und also entsprechend in ihren Bewegungen und Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt. Doch keinen Augen-
blick fiele einem ein, darum den Begriff Laien- oder Behindertentheater zu verwenden. In der Inszenierung werden die Eigenarten der Schauspieler, etwa die manchmal mühsame Artikulation oder die schwerfällige Art sich zu bewegen, vielmehr zu einem ästhetischen Mittel. So fein sind Konzept und Rhythmus der Aufführung auf die Darsteller abgestimmt, dass ihre Behinderung nicht als Manko, sondern als Stärke erscheint.
Es ist tatsächlich ein besonderes Theaterfestival, das da in Mainzer KUZ unterm Titel „Heimsuchungen" noch bis zum 15. September stattfindet. Aus fünf europäischen Ländern sind Gruppen zu sehen, für die der Zugang zu Kunst und Kultur nicht selbstverständlich ist. Nicht alle, aber doch die meisten, haben ihn sich vom äußersten gesellschaftlichen Rand her erkämpft. Doch eine „Mitleidsveranstaltung', versichert die Initiatorin des Festivals, die Lebenshilfe Kunst und Kultur GmbH, sei nicht intendiert.
Die Namen und die Stücke der Gruppen lassen solchen Verdacht freilich auch nicht aufkommen.

Frankfurter Rundschau 06.10.2001, Jutta Baier

Schräger Humor und stille Momente RambaZamba Theater spielt ?Orpheus ohne Echo" in der Kulturbrauerei

Schräger Humor und stille Momente

RambaZamba Theater spielt „Orpheus ohne Echo" in der Kulturbrauerei

Prenzlauer Berg - Hekate, Göttin der Erneuerung, verlässt den Gott der Unterwelt. Hades. Der will sich daraufhin aus Rache für die verschmähte Liebe Eurydike holen. Als Orpheus den leblosen Körper seiner Frau findet, macht er sich auf den Weg in die Unterwelt, um ihre Seele zu suchen. Das Drama beginnt.
In seiner neuesten Produktion „Orpheus ohne Echo" behandelt das RambaZamba Theater nichts Geringeres als die Themen Liebe. Tod und Kunst. Das Ensemble gehört zu dem 1990 gegründeten Verein Sonnenuhr, der geistig behinderten Menschen ein Komm bietet, sich künstlerisch auszudrücken: In der Malerei. Fotografie. Metall- und Holzbildhauerei und beim Theaterspielen. Im Theater RambaZamba arbeiten durchschnittlich 150 geistig behinderte Menschen mit etwa 50 nichtbehinderten in 20 Arbeitsgruppen zusammen. Seit 1993 verfügen sie über eigene Räume und eine Spielstätte, das „Theater im Pferdestall" in der Kulturbrauerei, Schönhauser Al-" lee 36-39. Auch die 14. Premiere am vergangenen Sonnabend war bis auf den letzten verfügbaren Platz ausverkauft.
Das Publikum strömte wegen der Qualität der Darstellung: Mit sehr genauer Beobachtungsgabe, Humor und der Reduktion aufs Wesentliche erarbeiteten die Schauspieler unter der Regie von Gisela Höhne ihre eigene Operninterpretation. Die Vorteile des Todes? Ganz klar: Nie wieder hohe Schuhe. Nie wieder Diät und nie wieder zum Frisör. Aber trotzdem existieren Missgunst, Neid und Eifersucht auch in der Unterwelt. Sieben Eurydikes wetteifern, welche am schönsten gestorben ist: Gifttabletten contra Blutbad in der Wanne kombiniert mit zusätzlichem Stromschlag.
Diese Momente makabren Humors wechseln mit Augenblicken der Stille, in denen die ganze Verlassenheit einer menschlichen Existenz sichtbar wird. Die Mimen spielen direkt und unmittelbar, aller Masken entkleidet - wahrhaftig. Diese Ausdruckskraft begeistert auch die Regisseurin Gisela Höhne: „Es ist schön, dass so viel Kunst entstellt mit diesen Menschen, die sonst nur Mitleid bekommen, und mich damit so beflügeln. Außerdem wollen sie Theater spielen, und nichts anderes!" Ähnliche Erfahrungen hat auch der Mitgründer des Vereins Sonnenuhr, Klaus Erforth, gemacht: „Die Darsteller sind stolz, dass sie etwas geben können und nicht nur Nehmende sind. " Vom unbedingten Willen zur Kunst, zum Selbstausdruck handelt auch das Stück: Eurydike stirbt, um aus Orpheus' Schatten herauszutreten. Sie will nicht mehr nur Echo sein, sondern selbst Künstlerin.
Zu ihrer künstlerischen Arbeit mit Behinderten kamen Gisela Höhne und Klaus Erforth durch ihren gemeinsamen Sohn Moritz. Der besuchte als Zehnjähriger in der DDR eine „Tagesstätte für förderungsfähige Kinder". „Aber wir waren mit der Förderung nicht zufrieden", erzählt Erforth. Deshalb ergriffen der Regisseur und die Schauspielerin 1986 die Initiative und gestalteten mit den Kindern den Zirkus „Zelle", wo sich die Talente austoben konnten.
„Nach der Wende stand etwas Neues an. Das war eine Sternstunde, eine Chance für solche Projekte", sagt Gisela Höhne, die inzwischen auf Theaterwissenschaften umgesattelt hat. In einer Matinee am Deutschen Theater stellten die beiden 1990 ihr Sonnenuhr-Konzept vor und ein Jahr drauf nahmen sie die praktische Arbeit auf. Das RambaZamba-Ensemble ist mittlerweile so bekannt, dass drei Schauspieler bereits für Fernsehproduktionen wie den Film „Mein Bruder der Idiot" engagiert wurden.

Berliner Zeitung, Marion Lemker

 

 

 

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